Hintergrund

Inter- und Transdisziplinarität sind zentrale Elemente moderner Forschungskooperationen. Während sich Interdisziplinarität auf Kooperationen zwischen akademischen Disziplinen bezieht, steckt hinter Transdisziplinarität das Prinzip der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und außerakademischen Partnern. Insbesondere angesichts komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen und dynamischer technologischer Entwicklungen gewinnt die kollaborative Entwicklung von Wissen an Bedeutung, so dass der Anspruch, verschiedene Wissensformen und Perspektiven zusammenzuführen zunehmend den wissenschaftlichen und politischen Diskurs prägt. Inter- und transdisziplinäre Kooperationen gelten dabei als besonders geeignet, um innovative und nachhaltige Lösungen zu erarbeiten – sowohl im akademischen Raum als auch in der Anwendungspraxis.

Zwischen Anspruch und Umsetzung: Interdisziplinarität im Wissenschaftssystem der Zukunft

Zukünftige Wissensformen. In einem Konzeptpapier der OECD von 2019 (OECD Future of Education and Skills 2030 Concept Note) wird Interdisziplinarität als eine von vier zentralen Wissensformen der Zukunft hervorgehoben – neben disziplinärem, epistemischem und prozeduralem Wissen. Daraus leitet die OECD die Notwendigkeit ab, Bildungsstrategien zu entwickeln, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen – etwa durch die Integration interdisziplinären Wissens in Curricula oder durch die Förderung projektbasierten Lernens. (OECD, 2019)

Rahmenbedingungen. Bereits 2016 betonte der Global Research Council in einem Bericht zur Interdisziplinarität die Notwendigkeit spezifischer struktureller Rahmenbedingungen, um das Potenzial interdisziplinärer Forschung zu entfalten. Genannt werden unter anderem geeignete Fördermechanismen (sowohl bottom-up als auch top-down), angepasste Bewertungs- und Evaluationsverfahren sowie Maßnahmen zur Karriereförderung, zum Training und zur institutionellen Anerkennung interdisziplinärer Forschung. (Global Research Council, 2016)

Deutschland. In aktuellen Beiträgen – etwa vom Stifterverband und der VolkswagenStiftung – wird deutlich gemacht, dass Interdisziplinarität in Deutschland nach wie vor mit strukturellen Hürden konfrontiert ist. Eine von der VolkswagenStiftung beauftragte Studie zur Forschungskultur konstatiert eine „weniger entwickelte interdisziplinäre Forschungslandschaft“ in Deutschland. Besonders kritisch werden Defizite bei der institutionellen Verankerung interdisziplinärer Begutachtung, das Fehlen geeigneter Karrierepfade sowie mangelnde Governance-Strukturen genannt, die Interdisziplinarität sowohl in Forschung als auch Lehre systematisch abbilden. (Ploder et al., 2023)

Politikberatung. Der Stifterverband hebt zudem hervor, dass die Erfahrungen aus der Pandemie deutlich gemacht haben, wie zentral eine dauerhaft institutionalisierte, interdisziplinäre Politikberatung ist, um komplexe Krisenlagen adäquat analysieren und bewältigen zu können. In einem Interview betont Dr. Georg Schütte, dass es zwar zahlreiche interdisziplinäre Projektanträge gebe, jedoch häufig unklar bleibe, wie sich Interdisziplinarität im praktischen Forschungsvollzug tatsächlich realisiert. Ähnliche Fragen stellen sich für die Lehre und für die organisatorische Verankerung innerhalb eines Wissenschaftssystems, das vielfach noch stark disziplinär strukturiert ist. (Meyer-Guckel, 2023; Schütte, 2023)

Interdisziplinarität ist ein entscheidender Schlüssel für zukunftsfähige Forschung und Bildung. Doch noch fehlt es oft an geeigneten Strukturen, um sie wirksam umzusetzen. Jetzt gilt es, konkrete Ansätze zu schaffen – in Curricula, Projekten und Institutionen –, die disziplinübergreifendes Arbeiten wirklich ermöglichen.

Multi-, Inter- & Transdisziplinarität: Begriffe und Abgrenzungen

Inter- und transdisziplinäres Arbeiten findet in vielfältigen Kontexten statt. An außeruniversitären Forschungseinrichtungen, an universitären Forschungsprojekten, im Rahmen kooperativer Lehrformate bis hin partizipativen, transdisziplinären Innovationsprozessen, wie zum Beispiel an Fachhochschulen. Gemeinsam ist diesen Ansätzen das Ziel, die oftmals komplexen Probleme mit Hilfe verschiedener Expertisen und Disziplinen zu bearbeiten. Die konkrete Ausgestaltung solcher Kooperationen variiert dabei je nach Integrationsgrad, beteiligten Akteuren und institutionellen Rahmenbedingungen.

Im aktuellen wissenschaftlichen und politischen Diskurs wird – neben Konzepten Begriffen wie Pluri- oder Cross-Disziplinarität – hauptsächlich zwischen folgenden verschiedenen Formen disziplinübergreifender Zusammenarbeit unterschieden:

  • Multidisziplinarität bezeichnet das parallele Bearbeiten eines Themas durch verschiedene Disziplinen – mit geringem Integrationsgrad.
  • Interdisziplinarität geht darüber hinaus: Sie strebt eine systematische Integration von Daten, Methoden, Konzepten und Theorien an, um komplexe Fragestellungen zu bearbeiten, die von einzelnen Disziplinen allein nicht adäquat beantwortet werden können
  • Transdisziplinarität überschreitet disziplinäre Grenzen noch weiter, indem sie auch Wissen und Perspektiven aus der Praxis bzw. von potenziellen Nutzern wissenschaftlicher Erkenntnisse einbezieht.

Balsiger, 2005; van Noorden, 2015; Frodemann et al., 2017; Klein, 2010, 2021; Mittelstrass, 2018; Schmohl & Philipp 2021; Brandstädter, 2021; Lerch, 2022.

Herausforderungen interdisziplinärer Zusammenarbeit

Diese kollaborativen Forschungsmodi gehen mit besonderen Anforderungen einher. Studien zeigen, dass sie ein ein hohes Maß an kommunikativer und konzeptioneller Abstimmung erfordern, da unterschiedliche disziplinäre Fachsprachen, methodische Zugänge und epistemische Grundannahmen aufeinandertreffen. Die Gefahr, in disziplinären Routinen zu verharren, ist groß – insbesondere dann, wenn strukturelle Rahmenbedingungen wie Begutachtungsverfahren, Förderlogiken oder Publikationskulturen interdisziplinäres Arbeiten erschweren.

In einem Positionspapier betont der Wissenschaftsrat, dass Disziplinarität und Interdisziplinarität nicht als Gegensätze, sondern als sich ergänzende und produktiv aufeinander bezogene Konzepte zu verstehen sind. Interdisziplinäre Forschung dürfe dabei kein Selbstzweck sein, sondern müsse stets mit einem klaren Problembewusstsein sowie mit Blick auf die damit verbundenen Herausforderungen verfolgt werden. Um dem Risiko einer bloß additiven, multidisziplinären Zusammenarbeit zu entgehen, bedarf es ausreichender zeitlicher Ressourcen, gezielter Reflexionsräume und eines gemeinsamen Verständnisses über disziplinäre Unterschiede und Integrationspotenziale.

Epistemologien. Interdisziplinäre Zusammenarbeit bringt unterschiedliche disziplinäre Sprachen, Erkenntnisinteressen und methodische Zugänge zusammen. Diese Vielfalt führt nicht selten zu methodologischen Unschärfen, auch wenn eine gemeinsame epistemologische Grundlage identifiziert werden kann. Das Spannungsfeld zwischen disziplinärer Tiefe und interdisziplinärer Integration verlangt nach einer bewussten Reflexion über die jeweiligen erkenntnistheoretischen Prämissen.

Institutionelle Rahmenbedingungen
Auf organisatorischer Ebene sind interdisziplinäre Projekte mit einem erhöhten Maß an Komplexität im Management, in der Administration und in der Koordination verbunden. Gleichzeitig wirken bestehende, häufig monodisziplinär strukturierte Institutionen und Fördermechanismen hemmend auf die Umsetzung und nachhaltige Etablierung interdisziplinärer Forschungsvorhaben.

Leadership
Die Leitung interdisziplinärer Projekte erfordert spezifische Moderations-, Kommunikations- und Vermittlungskompetenzen. Wissenschaftliche Führungspersonen müssen methodische Souveränität mitbringen sowie eine ausgeprägte kognitive Offenheit, um disziplinübergreifende Perspektiven produktiv integrieren zu können.

Karrierewege und Erfolgskriterien
Auch auf individueller Ebene ergeben sich Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf Publikationsstrategien, Zitationspraktiken und die Anerkennung interdisziplinärer Leistungen im wissenschaftlichen System. Interdisziplinäre Karrieren gelten häufig als weniger kalkulierbar und mit höheren Unsicherheiten behaftet, was sich negativ auf deren institutionelle Sichtbarkeit und Förderung auswirken kann.

Literatur & Quellen
Wissenschaftliche Literatur

Balsiger, P. W. (2005). Transdisziplinarität: systematisch-vergleichende Untersuchung  disziplinenübergreifender Wissenschaftspraxis. München: Fink.

Boix Mansilla V. (2017) Interdisciplinary learning: A cognitive-epistemological foundation. In: Frodeman, R., Klein, J. T., & Pacheco, R. C. dos S. (Ed.). (2017). The Oxford Handbook of Interdisciplinarity (2nd edition). Oxford University Press.

Brandstädter, S. (2021). Interdisziplinär erfolgreich – Modellierung, Validierung und Förderung interdisziplinärer Handlungskompetenz. Dissertation, Universität Heidelberg.

Claus, A. M., & Wiese, B. S. (2021). Interdisziplinäre Kompetenzen: Modellentwicklung und diagnostische Zugänge. Gruppe. Interaktion. Organisation. Zeitschrift für Angewandte Organisationspsychologie (GIO)52(2), 279–288. 

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Defila, R., Di Giulio, A. (1996): Voraussetzungen zu interdisziplinärem Arbeiten und Grund- lagen ihrer Vermittlung. In: Balsiger, P. W., Defila. R. & Di Giulio, A. (Hg.): Ökologie und Interdisziplinarität – eine Beziehung mit Zukunft? Wissenschaftsforschung zur Verbesserung der fachübergreifenden Zusammenarbeit. Basel, Boston, Berlin: Birkhäuser (Themenhefte Schwerpunkt- programm Umwelt), S. 125–142.

Frodeman, R., Klein, J. T., & Pacheco, R. C. dos S. (Ed.). (2017). The Oxford Handbook of Interdisciplinarity (2nd edition). Oxford University Press.

Klein, J. T. (2010). A taxonomy of interdisciplinarity. In: Frodeman, R., Klein, J. T., & Pacheco, R. C. dos S. (Ed.). (2017). The Oxford Handbook of Interdisciplinarity (2nd edition). Oxford University Press.

Klein, J. T. (2021): Beyond Interdisciplinarity. Boundary Work, Communication, and Collaboration. Oxford University Press.

Lerch, S. (2017): Interdisziplinäre Kompetenzen. Eine Einführung. Münster: Waxmann. 

Lyall, C., & Meagher, L. R. (2012). A Masterclass in interdisciplinarity: Research into practice in training the next generation of interdisciplinary researchers. Futures44(6), 608–617.

Lyall, C., Bruce, A., Tait, J., & Meagher, L. (2011). Interdisciplinary research journeys: Practical strategies for capturing creativity. Bloomsbury Academic. 

Mittelstrass, J. (2018). The Order of Knowledge: From Disciplinarity to Transdisciplinarity and Back. European Review26(S2).

Nancarrow, S. A., Booth, A., Ariss, S., Smith, T., Enderby, P., & Roots, A. (2013). Ten principles of good interdisciplinary team work. Human Resources for Health11(1), 19.

Van Noorden, R. (2015). Interdisciplinary research by the numbers. Nature525(7569), 306–307.

Policy Paper / Impulspapiere / Artikel

Froese, A., Woiwode, H., & Suckow, S. (2019). Mission Impossible? Neue Wege zu Interdisziplinarität. Empfehlungen für Wissenschaft, Wissenschaftspolitik und Praxis. Discussion Paper, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

Global Research Council (2016). Interdisciplinarity Survey Report for the Global Research Council 2016 – Annual Meeting. DJS Research.

Lerch, S. (2022): Nexus. Impulse für die Praxis, Nr. 18: Interdisziplinäre Kompetenzbildung – Fächerübergreifendes Denken und Handeln in der Lehre fördern, begleiten und feststellen, Hochschulrektorenkonferenz, Leipzig.  

OECD (2019). OECD Future of Education and Skills 2030 – Learning Compass 2030.

Ploder, M., Walker, D., Schiffbänker, H., Streicher, J., Müller, R., Sultan, A., Bluemel, C., Knöchelmann, M., & Simon, D. (2023). Wissenschaftskulturen in Deutschland: Eine Studie im Auftrag der VolkswagenStiftung. VolkswagenStiftung.

Röhlig, A. (2018): Interdisziplinäre Zusammenarbeit im Verbundprojekt: Herausforderungen und kritische Faktoren einer erfolgreichen Forschungskooperation, HWWI Research Paper, No. 181, Hamburgisches WeltWirtschaftsInstitut (HWWI), Hamburg

Schütte, G. (2023). Interdisziplinarität braucht eine Basis. Interview, Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Meyer-Guckel, V. (2023). CRISIS. WHAT CRISIS? Positionspapier von Volker Meyer-Guckel. Stifterverband.

Wissenschaftsrat (2020). Wissenschaft im Spannungsfeld von Disziplinarität und Interdisziplinarität. Positionspapier. Köln, 2020.